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Die Super Smart Society: Smart Care made in Japan

12. Juli 2022 Veröffentlicht von Raphael Doerr

Eine japanische Filmemacherin erschüttert das Publikum bei den diesjährigen Filmfestspielen in Cannes mit einer dystopischen Vision ihres Landes, in der alte Menschen der Euthanasie zustimmen, um das Problem der schnell alternden Bevölkerung zu lösen. Der “Plan 75” – so der Titel des Films der japanischen Regisseurin und Autorin Chie Hayakawa basiert auf einem sehr realen Problem. In dem Film werden alle über 75-Jährigen dazu ermutigt, einen Vertrag mit der Regierung zu unterzeichnen, bei dem sie eine Geldsumme erhalten, wenn sie sich bereit erklären, sich einschläfern zu lassen. Eine kollektive Beerdigung gibt es gratis dazu. Japan ist die am schnellsten alternde Industriegesellschaft, ein Trend, der enorme wirtschaftliche und politische Probleme verursacht, da eine schwindende Zahl jüngerer Menschen ein wachsendes Heer von Alten unterstützen muss. Pflegeeinrichtungen und Seniorenheime sind teuer und nur wenige Japaner:innen können es sich finanziell erlauben, diese in Anspruch zu nehmen. Neue Smart Home & Care Lösungen sind gefragt, damit eine alternde Gesellschaft selbstbestimmt zu Hause leben kann. In diesem Blogbeitrag wollen wir das Modell der japanischen Society 5.0 kurz vorstellen und aktuelle Entwicklungen im  Smart Home & Care-Bereich aufzeigen.

Alt, Vor-Alt und Society 5.0

Japans Bild der neuen alten „Platin-Gesellschaft“ hat wenig gemein mit den PR-wirksamen Bildern älterer Menschen, die kleine Roboterhunde streicheln oder von einem Pflegeroboter ins Bett gebracht werden. Im alternden Japan ist unter 75 das neue „Vor-Alt“. Sprachlich steht Japan jedoch an der Spitze des Wandels. Millionen von Menschen haben gelernt, dass sie nicht mehr alt, sondern nur noch „Vor-Alt“ sind und damit der Altersgruppe von 65 bis 74 angehören. Doch egal ob alt oder Vor-Alt, die Probleme mit denen sich Japans Gesellschaft konfrontiert sieht, treffen auf fast alle westlichen Gesellschaften zu. Denn Fakt ist: die Welt altert. Dies könnte weltweit weniger Arbeitskräfte und überlastete Gesundheitssysteme bedeuten. Die Lösung? Für Japan könnte es eine KI-gestützte Zukunft namens Society 5.0 sein.

Die Super Smart Society

Japan sucht die Rettung in einer digitalen Zukunft, bei der, wenn alles nach den Vorstellungen der Verantwortlichgen geht, alle Aspekte des Lebens miteinander vernetzt werden. Diese „Super Smart Society“ ist für den Japan-Experten Dr.  Franz Waldenberger ein utopischer Entwurf „einer perfekt vernetzten, hocheffizienten und inklusiven Gesellschaft, die Cyberwelt und physische Welt gleichermaßen integriert.“

In der „Super Smart Society“-Vision der japanischen Regierung sollen der Cyberspace und die physische Welt in eine perfekt vernetzte, hocheffiziente und inklusive Gesellschaft zusammengeführt werden. Viel Zeit bleibt den verantwortlichen Akteuren aus Wissenschaft, Industrie und Politik nicht. Bereits 2050 sollen die Menschen sich frei von physischen, kognitiven, räumlichen und zeitlichen Einschränkungen bewegen und agieren können. Dahinter steckt die Absicht, Lösungen für die rückläufige Geburtenrate und Überalterung der japanischen Gesellschaft und insbesondere den daraus resultierenden Arbeitskräftemangel zu schaffen.  Laut Gesundheits- und Sozialministerium soll die japanische Bevölkerung bis 2060 um ein Drittel schrumpfen. Resultat sind ein hoher Pflegebedarf mit steigenden Kosten und ein zunehmender Bedarf an Einrichtungen für die Pflege und Betreuung von Senioren. Beides ist Stand heute nur sehr schwer finanzierbar.

Die „Super Smart Society“  benötigt  natürlich auch eine entsprechende „Smart City“, die das alles erlaubt und möglich macht. Diese entsteht am Fuße des japanischen Mount Fuji. Toyota baut auf einem 175 Hektar großen Gelände Woven City, die Zukunftsstadt.

Leben in der Woven City

Die Blaupause für die Stadt der Zukunft sieht vor, dass die Bürger in vernetzten Smart Homes mit sensorbasierter KI (Künstlicher Intelligenz) leben, um die Gesundheit der Bewohner zu überprüfen und ihre Bedürfnisse zu verstehen und zu erfüllen, und mit Robotern im Haus, die das tägliche Leben unterstützen und erleichtern. „Eine komplette Stadt zu bauen, selbst in einem kleinen Maßstab wie diesem, ist eine einzigartige Gelegenheit, Zukunftstechnologien zu entwickeln, einschließlich eines digitalen Betriebssystems für die Infrastruktur der Stadt.  Mit Menschen, Gebäuden und Fahrzeugen, die alle miteinander verbunden sind und über Daten und Sensoren kommunizieren, werden wir in der Lage sein, die vernetzte KI-Technologie zu testen – sowohl im virtuellen als auch im physischen Bereich“, erklärte Akio Toyoda, Präsident der Toyota Motor Corporation.

Doch die Wirklichkeit sieht anders aus. Jeder vierte Rentner ist erwerbstätig, im Alter zwischen 65 und 69 Jahren ist es sogar jeder zweite. Bei der Alterserwerbsarbeit liegt Japan daher zusammen mit Südkorea weltweit an der Spitze. Ein Trend den die Regierung in Tokio aktiv fördert: So erhalten alle Arbeitnehmer einen gesetzlichen Anspruch darauf, für ihren bisherigen Arbeitgeber bis 70 weiterzuarbeiten, wenn sie es wollen. Die Renten in Japan fallen nicht gerade üppig aus, berichtet der Deutschlandfunk. Vor allem bei Frauen, die häufig nur Teilzeit gearbeitet haben. Jeder fünfte Rentner gilt offiziell als arm, verdient also weniger als die Hälfte des mittleren Einkommens.

Pflege in Japan ist teuer

Das Sincere-Kourien-Pflegeheim in Ōsaka, wurde 2001 vom Elektronikkonzern Matsushita gegründet und bietet Komfort auf höchstem Niveau: Federnde Fußböden senken die Gefahr von Knochenbrüchen bei Stürzen und Gemüsehochbeete auf dem ebenen Hausdach können auch von Bewohnern im Rollstuhl als Hobby bewirtschaftet werden. Menschliches Pflegepersonal sorgt für einen behaglichen Rundumservice. Doch dieser Service hat seinen Preis. Je nach Pflegestufe liegt die Miete pro Monat zwischen 120.000 und 260.000 Yen das sind umgerechnet ungefähr 930 bis 2000 Euro. Nicht alle pflegebedürftige Menschen sind in der Lage die Miete, die neben gesicherter Betreuung auch die neusten technischen Innovationen beinhaltet, zu zahlen. Mittlerweile finanziert die japanische Pflegeversicherung LTCI zwar zum Teil einige Pflegeroboter für Privathaushalte, dennoch wohnt die Mehrheit der alten Menschen allein ohne technische Hilfsmittel. In Japan warten nach Angaben des Sozialministeriums etwa 3.660.000 Senioren auf Heimplätze, allein in der Hauptstadt Tokio 40.000. Das Sozialministerium gibt offen zu, dass es in Japan an seniorengerechten Wohnungen, Pflegeheimen und ambulanten Betreuungsmöglichkeiten mangele – und nicht zuletzt an Pflegekräften. Bis 2025 dürften rund 380.000 Pflegekräfte fehlen – in einer Zeit, in der die besonders geburtenstarken Jahrgänge, also Japans „Babyboomer“, 75 bis 80 Jahre alt sein werden. Schon jetzt liegt die Zahl der Pflegefälle bei über sechs Millionen. Um die anfallenden Kosten zu stemmen, wurden bereits Pflegeleistungen eingeschränkt, erklärt eine ehemalige Altenpflegerin.

Um Kosten zu senken, sollen Alte statt in Heimen oder Kliniken preiswerter zu Hause von der eigenen Familie gepflegt werden. Doch die meisten Angehörigen sind ebenfalls nicht mehr die jüngsten – und ihre Kinder müssen Geld verdienen. Die häusliche Pflege überfordert viele. Um das Konzept der Society 5.0 umsetzen zu können, setzt die japanische Regierung verstärkt auf KI, Roboter und Sensoren.

Smart Home – das Konzept intelligenter Räume

„Ich bewege mich jetzt in Richtung Ziel. Ich beginne, dem Fußgänger zu folgen.“ So kommuniziert ein autonom fahrender Rollstuhl über Lautsprecher mit seinem Nutzer und informiert gleichzeitig seine Umgebung. Die Maschine ist eines der Zukunftsprojekte für die hochalternde Gesellschaft im Roboterlabor der Chuo-Universität in Tokio, wie Deutschlandfunk Kultur schreibt. Außer selbstfahrenden Rollstühlen entwickelt Leiterin Mihoko Niitsuma vor allem sogenannte „intelligente Räume“, damit Senioren möglichst lange in ihrer gewohnten Umgebung bleiben und leben können.

Was versteht man unter einem intelligenten Raum?

Laut Gartner, einem der führenden US-amerikanisches Marktforschungs- und Beratungsunternehmen,  werden bis 2026 wichtige, sich rasch entwickelnde Technologien wie der digitale Zwilling, Plattformen für das Internet der Dinge (IoT), intelligente Räume, multimodale Benutzeroberflächen und fortschrittliche virtuelle Assistenten die Art und Weise verändern, wie Menschen die Welt interpretieren und mit ihr interagieren. Die Experten von Gartner untersuchten in der Studie 20 aufstrebende Technologien und Trends mit den größten Auswirkungen auf die technologischen Entwicklungen der nächsten Jahre. Der „intelligente Raum“ – smart space – ist einer davon. Für sie ist „ein intelligenter Raum eine physische oder digitale Umgebung, in der Menschen und technologiegestützte Systeme in zunehmend offenen, verbundenen, koordinierten und intelligenten Ökosystemen zusammenwirken. Für intelligente Räume gibt es eine Reihe von Bezeichnungen, darunter „intelligente Städte“, „digitale Arbeitsbereiche“, „intelligente Veranstaltungsorte“ und „intelligente Umgebung“.  Zu den üblichen Anwendungen gehören die vorbeugende Wartung der Infrastruktur von Gebäuden sowie die automatisierte Mauterhebung und Rechnungsstellung. Intelligente Räume verändern die Art und Weise, wie Menschen miteinander kommunizieren und Entscheidungshilfesysteme in verschiedenen Räumen (z. B. Gebäuden, Fabriken und Veranstaltungsorten) beeinflussen.“

Für Mihoko Niitsuma hat das Konzept des intelligenten Raumes einen praktischen Mehrwert. „Wir können die Sensoren und die Rechenkraft eines Roboters in einem Raum verteilen und über das Internet verbinden. Dadurch können wir alles in dem Raum aus der Entfernung beobachten und die Situation der Menschen darin erkennen.“ Das Spannende dabei, nicht eine Person entscheidet darüber was zu tun ist, sondern der intelligente Raum selbst. Dank der eingebundenen KI ist er dazu jederzeit in der Lage. „Dann kann der intelligente Raum entscheiden, wie sich der Person helfen lässt, zum Beispiel benötigte Informationen geben, die Zimmertemperatur ändern oder die Lichthelligkeit anpassen. Das ist das Konzept eines intelligenten Raums.“

Die Technologie die bereits eingesetzt und verwendet wird basiert auf Lidar-Detektoren, die auch autonome Autos verwenden, um Menschen im Verkehr zu erkennen. Nach Ansicht der Professorin sind solche „intelligenten Räume“ schon in wenigen Jahren kommerziell einsetzbar. Die Kosten für das Sensorensystem schätzt Professorin Niitsuma auf umgerechnet 2000 Euro. „Wahrscheinlich brauchen wir noch eine menschliche Schnittstelle zwischen dem intelligenten Raum und den Nutzern“, meint sie. Es sei entscheidend, dass man dem System vertraut. „Alte Leute werden sich daran Schritt für Schritt gewöhnen – beim Smartphone zum Beispiel teilen wir auch private Informationen, weil es uns Vorteile bringt. Ich glaube daher, dass das Konzept von Privatsphäre sich mit der Technologie ändert.“

Zum Beispiel könnten ambulante Pflegedienste das System nutzen, um bedürftige Senioren aus der Ferne zu beobachten, statt einen Pfleger zu schicken. Denn das Pflegepersonal ist knapp. Als ultimative Lösung tauchen in amtlichen Strategiepapieren daher immer wieder Pflegeroboter auf. Doch dabei handelt es sich offenbar mehr um einen Mythos.

Roboter in der Pflege sind noch die Ausnahme

Trotz vieler Prototypen setzt aber praktisch kein Altenheim und kein Krankenhaus in Japan echte Robotertechnologien in der Pflege ein. Das fand der deutsche Wissenschaftler Patrick Grüneberg von der Universität Kanazawa heraus, der dafür zahlreiche Ärzte und Pflegemitarbeiter befragt hatte. „Als wir nachfragten, wie das jetzt mit der Pflegetechnik so ist, da meinten sie, es ist einfach nicht wirklich ein Thema“, erzählt er im Deutschlandfunk. Auch wenn Roboter sich in der Pflege und im Smart Home noch nicht durchgesetzt haben, die Zukunft wird dies ändern.

Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, das Leben und den Alltag im Alter zu erleichtern. Für das eigenständige Leben zuhause beginnt dies bei einfachen Technologien, z. B. mit Sensorensystemen, die Bewegung wahrnehmen und auch bei dessen Ausblieben alarmieren: so dass ein Alarm gesendet wird, sobald der Kühlschrank einen Tag lang nicht geöffnet wurde.

Es können aber auch intelligente Robotiksysteme sein: z. B. ein auf künstlicher Intelligenz basierter Roboter, der einen Senior oder eine Seniorin durch den Tag begleitet. Dies kann in Zukunft vor allem für Menschen mit beginnender Demenz eine interessante Lösung sein, um einen möglichst langen Verbleib – bei hoher Sicherheit – in der gewohnten Wohnumgebung zu ermöglichen. Aber auch Systeme, die die Menschen mit Demenz an alle Dinge erinnern, wie Medikamenteneinnahme usw., und die bei der Tagesstruktur unterstützen, sind vorstellbar, quasi eine Art digitaler Alltagscoach.

Doch wie Sabina Misoch, Professorin und Leiterin des Instituts für Altersforschung (IAF) in St. Gallen betont, hängt die Akzeptanz von Innovationen nicht nur von deren Funktionalitäten, sondern auch stark vom Alter der Zielgruppe ab. „Heute Hochaltrige sind analog groß geworden und können mit neuen Technologien weniger anfangen als z. B. die Babyboomer. Interessanter-weise sind sie aber dennoch offen für Innovationen, wenn sie deren Nutzen klar erkennen können und diese ihnen z. B. ermöglichen, länger eigenständig zuhause zu leben. Viele springen über den eigenen Schatten, auch wenn sie sonst nicht technikaffin sind.“

Die Wissenschaftlerin ist davon überzeugt, dass sich robotische Lösungen zunehmend etablieren werden. „In 10 bis 20 Jahren werden wir zuhause intelligente Roboter haben, die uns in den Dingen unterstützen, die wir entweder altersbedingt nicht mehr so gut bewältigen können oder die wir aus Gründen des Komforts nicht selbst übernehmen wollen.{…} In Japan gibt es bereits Kommunikationsroboter für junge Menschen. Wenn sie nach Hause kommen, begrüßt der Roboter sie und fragt, wie der Arbeitstag war. Er gibt Rezeptvorschläge fürs Abendessen und liest die Topfilme im TV-Programm vor. Der Roboter übernimmt eine kommunikative Funktion, die sonst ein Mensch übernehmen würde.“

Wachstumsprognosen

Auf dem japanischen Markt besteht eine zunehmend wachsende Nachfrage nach sicheren Wohnumgebungen, insbesondere in Bezug auf Sicherheitsfunktionen und diskrete Überwachung für ältere Menschen, wie das Internetportal yahoo!finance berichtet. Hält diese Entwicklung an, so soll der Smart Home Markt in Japan laut den Prognosen der Experten bis 2027 die 13 Milliarden US Dollar Grenze überschreiten. In Deutschland soll der Umsatz mit Smart-Home-Hardware von rund 7,8 Milliarden Euro in diesem Jahr bis 2027 auf 10,6 Milliarden Euro anwachsen – das entspricht einer jährlichen Wachstumsrate von 6,4 Prozent. Die Zahlen hat das Hamburger Datenportal Statista kürzlich im Rahmen seiner Technology Market Outlook veröffentlicht.

Zum Vergleich, der größte Smart-Home-Markt in 2020 waren laut Daten von Statista die USA mit einem Umsatz von 23,3 Milliarden US-Dollar; bis 2026 soll er auf 51,2 Milliarden US-Dollar anwachsen. Der europäische Markt hatte 2020 einen Wert von 20,1 Milliarden US-Dollar und wird bis 2026 an den USA vorbeiziehen und soll dann bei 53,9 Milliarden US-Dollar liegen. China mit 15,0 Milliarden US-Dollar Umsatz in 2020 wird 2026 voraussichtlich 45,3 Millarden US-Dollar erreichen.

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