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Smart Home 2030, wie wohnen wir in der vernetzten Zukunft?

11. Oktober 2021 Veröffentlicht von Jana Greyling

„Erst in dieser Woche ließen sich die beiden mit Alexa verbundenen Jalousien in meinem Schlafzimmer nicht zur geplanten Zeit herunterfahren, und heute Morgen öffnete sich nur einer von ihnen wieder. Ich habe keine Ahnung, was schief gelaufen ist, da Alexa kein Feedback anbietet, wenn etwas fehlschlägt. Solche Fehlzündungen sind in der Smart-Home-Welt üblich. Google Assistant hat sich mehrere Tage hintereinander geweigert, den Wecker zu stellen oder bevorstehende Kalenderereignisse zu lesen, nur um sich ohne Erklärung selbst zu reparieren.“

Nein das ist nicht die Zukunft, die Jared Newman hier für das Fast Company Magazin beschreibt, es ist sein Erfahrungsbericht mit dem Smart Home im Jahr 2021. Nicht alles klappt und nicht alles ist nur eitel Sonnenschein, auch wenn das Bild der schönen, smarten, neuen Home-Welt recht häufig in Beiträgen dafür herhalten muss. Das Smart Home ist nämlich manchmal alles andere als smart. Bei jedem unbedachten Schritt könnte man tiefer ins Chaos rutschen, und am Ende besitzt man lauter tolle Produkte, die nicht zusammenarbeiten. Und das wird auch nicht besser werden, wenn nur mehr Geräte auf den Markt kommen, noch mehr Toaster, Kühlschränke, Waschmaschinen oder Haushaltsgeräte zukünftig miteinander im Smart Home kommunizieren, um das Leben der Bewohner bequemer, einfacher und sicherer zu machen.

Eher dürfte das Gegenteil der Fall sein, das jedenfalls prognostiziert die  Analystin Carolina Milanesi in dem gleichen Beitrag. Für sie erhöht die Verbreitung immer neuerer, smarter Geräte und Anwendungsfälle auch die Möglichkeiten, was alles schief gehen könnte, um ein Vielfaches. Doch das muss nicht sein, denn das Smart Home der Zukunft könnte nicht nur wesentliche Verbesserungen in puncto Wohnqualität, Sicherheit und Effizienz bringen, sondern auch die Art und Weise wie wir leben wollen nachhaltig mitgestalten. Wie dies aussehen könnte und was dafür gemacht werden müsste, skizziert dieser Beitrag.

Wie werden Smart Homes in 10 Jahren aussehen? Das fragte das amerikanische Magazin Time 2019 und stimulierte die Leserschaft mit einem stimmungsvollen Bild eines perfekten Tages im Smart Home der Zukunft.

Die Zukunft heute gedacht

„Es ist 6 Uhr morgens und der Wecker klingelt früher als sonst. Es ist keine Fehlfunktion: Die intelligente Uhr hat Ihren Zeitplan gescannt und angepasst, weil Sie morgens als Erstes diese große Präsentation haben. Ihre Dusche schaltet sich automatisch ein und erwärmt sich auf Ihre bevorzugten 103°F. Das Elektroauto ist fahrbereit, geladen durch die Sonnenkollektoren oder das Windrad auf Ihrem Dach. Wenn Sie später nach Hause kommen, wartet ein unerwartetes Paket, das per Drohne geliefert wurde, vor der Tür.  Darin ist eine Erkältungsmedizin, denn wie sich herausstellte, erkannten in Ihrem Badezimmer integrierte Gesundheitssensoren im Spiegel erste Anzeichen einer Erkältung und gaben automatisch die Bestellung auf.“

Das ist zumindest ist ein Teil der Zukunftsvision für das Smart Home. Nicht ganz so utopisch sieht es der Chip-Hersteller Infineon. Auf der Webseite beschreibt das Unternehmen aus Sicht einer fiktiven Person,  wie man im Jahr 2030 wohnt und wie ein Smart Home unseren Alltag erleichtern kann. „Das Beamen wurde noch nicht erfunden. Stattdessen wartet ein selbstfahrendes Elektroauto auf mich. Nach einem anstrengenden Tag erhole ich mich nur zu gerne auf der Couch. Das Feierabendszenario stellt sich ein, taucht den Raum in warmes Licht, fährt die Rollläden herunter und spielt entspannte Musik – ganz nach meinem Geschmack. Ich kann mir auf der smarten Tapete einen Film ansehen oder lese  darauf einen Roman.“ Was 2019 als neu und revolutionär angesehen wurde, ist heute im Smart Home vielfach bereits angekommen. Wohnen im Jahr 2030 fühlt sich komfortabel an, schont die Umwelt und bietet ein hohes Maß an Sicherheit, heißt es auf der Webseite von Infineon. „Eines hat sich trotzdem nicht geändert: Mein Zuhause ist ein Rückzugsort zum Wohlfühlen – nur eben ein bisschen intelligenter als früher.“

6G und das Smart Home

Was definitiv notwendig sein wird, eine starke drahtlose Internetverbindung, denn ohne geht auch im Smart Home der Zukunft nicht viel. Und da kommt dann 6G ins Spiel. 5G ist jetzt der Höhepunkt und bietet 100x schnellere Geschwindigkeiten als 4G, aber mit 6G, das bis 2030 erwartet wird, wird alles noch viel schneller. Geschwindigkeiten bis zu einem Terrabit pro Sekunde sollen sogar möglich sein. Um diese Zahl verständlicher zu machen: ein Netflix-Stream in der aktuell höchsten Qualität benötigt 56 Gigabit pro Stunde. Mit 6G könnte man also mehr als 142 Stunden derartiger Inhalte in einer Sekunde herunterladen.

Als mögliche Einsatzzwecke nannten Forscher beispielsweise eine direkte Schnittstelle zwischen dem menschlichen Gehirn und einem 6G-Gerät. Laut ersten Konzepten gehören dazu beispielsweise Nachfolgetechnologien von Virtual Reality und Augemented Reality mit ganz neuen virtuellen Welten – von einigen Entwicklern mit dem neuen Begriff XR bezeichnet. Durch 6G würden etwa auch ganz neue Kollaborationsmöglichkeiten möglich, etwa ein Arzt, der eine Operation remote durchführt. Treffen mit virtuellen Gesprächspartnern sollen ebenfalls  möglich werden. Bereits heute sind auf Plattformen für Mixed Reality, wie Microsoft mit „Mesh“ Mitte des Jahres vorgestellt hat, holographische 3D-Abbilder fast lebensechter darstellbar als bei Virtual Reality. Zunächst für Datenbrillen und Avatare genannte virtuelle Stellvertreter gedacht, soll Microsoft Mesh zu einem späteren Zeitpunkt auch den Weg zur „Holoportation“ ebnen, um sich „als lebensechtes, fotorealistisches Selbst in virtuelle Räume zu projizieren“, schreibt Philip Weitnauer, Senior Product Mixed Reality and HoloLens bei Microsoft.

„Man fühlt sich tatsächlich so, als wäre man am selben Ort mit jemandem, der Inhalte teilt, oder man kann sich von verschiedenen Mixed-Reality-Geräten teleportieren und mit Leuten zusammen sein, auch wenn man nicht physisch an einem Ort ist.“ Alles was dafür benötigt wird, ist neben dem Smartphone eine entsprechende AR-Brille, wie die Hololens 2. Motion-Capture- und Performance-Techniken, die wir aus Filmen wie Avatar oder Planet der Affen kennen, werden Mainstream und könnten dann auch im Smart Home verfügbar sein. Showpremieren, wie das geplante Abba-Konzert 2022, bei dem  die vier Mitglieder nicht real, sondern als Avatare – also virtuelle Projektionen – auf der Bühne stehen, sind dann im eigenen Wohnzimmer möglich.

Alle für Einen, Einer für alle

Damit solche Lösungen und Systeme zukünftig erfolgreich sind, ist es notwendig, dass Geräte untereinander kompatibel sind, das gleiche Protokoll verwenden und sich sicher, zuverlässig und nahtlos bedienen lassen. Den einen Standard für alle Smart Home Geräte gibt es leider nicht. Stattdessen konkurrieren viele unterschiedliche Protokolle um die Gunst der Nutzer. Ein Smart Home vernetzt Hausgeräte, Beleuchtung und Co. Doch anders als bei Computern und Smartphones sprechen längst nicht alle Devices dieselbe Sprache. Während Sprachassistenten etwa über WiFi funken, arbeiten smarte Lampen oft mit ZigBee. All-in-One-Systeme setzen darüber hinaus oft eigene Funkprotokolle ein, mit denen nur die herstellereigenen Komponenten auch etwas anfangen können. Mit DECT ULE, Zigbee, Z-Wave, Apples HomeKit & Co. existieren weitere, verschiedene Standards und Protokolle fürs schlaue Wohnen. Und wer sich für eines dieser Protokolle entscheidet, muss dann auch immer die passenden Geräte dazu kaufen. Das soll sich künftig mit dem neuen einheitlichen Smarthome-Standard Matter ändern, auf den sich praktisch alle Branchenriesen wie Apple, Amazon, Google, Samsung oder Philips geeinigt haben.

Ein neuer Standard soll es richten

Matter will nichts weniger als das Smart Home zu revolutionieren. Ein einheitlicher Standard soll sämtliche Kompatibilitätsprobleme beheben und für sichere und reibungslose Verbindungen sorgen. Wer sich künftig ein Smart-Home-Gerät kauft, muss sich keine Gedanken mehr machen, ob es ins Apple HomeKit integriert werden kann, die Sprachsteuerung mit Alexa funktioniert oder die Verbindung zu Googles Nest Hub 2 möglich ist. Funktioniert es mit Matter, funktioniert es mit allem.

“Matter” ist eine gemeinsame Initiative von Amazon, Apple, Comcast, Google und der Zigbee Alliance. Anfangs war diese Technologie unter dem Namen “CHIP” bekannt. Mittlerweile zählt die Arbeitsgruppe mehr als 180 Mitglieder. Der Quellcode von “matter” ist open source und somit jedem zugänglich. Anfang Mai 2021 wurden die ersten Spezifikationen mit dem neuen Namen “matter” festgelegt.

Smart ist mehr als smart

Klappt das alles, dann könnte die „smarte“, sprich vernetzte, Welt das neue Normal werden und sämtliche Lebensbereiche betreffen. Das bedeutet, dass die Vernetzung und Computersteuerung im Smart Home zukünftig nicht mehr nur einzelne Funktionen erfüllen wird, sondern mit allen möglichen Themen wie der Nachhaltigkeit, Energieeffizienz, Unterhaltung, Kommunikation, dem Komfort und vielem mehr in einer direkten Verbindung steht. So oder so ähnlich könnte das Smart Home der Zukunft aussehen. Vielleicht wird auch das Haus mit dem Auto gekoppelt, das Auto mit dem Smartphone, das Smartphone mit dem Arbeitsplatz und so weiter. Viele Szenarien sind denkbar. Sicher ist aber, dass die Lebensbereiche zunehmend verschwimmen und es somit auch keine klare Abgrenzung mehr gibt, wo das Smart Home anfängt und wo es aufhört.

Technik allein ist nicht alles

„Doch Technik allein macht Smart Homes nicht zu intelligenten Häusern. Technologie liefert nur die Blaupause für ein neues, vernetzteres und „smartes“ Wohnen. Nicht alles, was technisch möglich ist, macht für Menschen Sinn. Wirklich innovativ sind Lösungen erst dann, wenn sie den Alltag spürbar erleichtern. Rein technologiegetriebene Entwicklungen stoßen dabei an Grenzen. Stattdessen sind intelligente Wohnkonzepte gefragt, die sich an den Bedürfnissen der Bewohner orientieren und sich wechselnden Lebenssituationen anpassen. Wirklich smart wird ein Zuhause erst, wenn es sich auf seine Bewohner, deren Lebensstil und Lebensumstände einstellen kann,“ schrieb das Zukunftsinstitut bereits 2015. Es bleiben ja noch ein paar Jahre bis 2030, um diese Forderungen zu erfüllen.

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