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Ich bin Zoom-müde: Warum Videokonferenzen für Erschöpfung und Müdigkeit sorgen

13. Januar 2021 Veröffentlicht von Jana Greyling

Wir kennen alle den Herbst und Winterblues oder die Frühjahrsmüdigkeit. Doch in Zeiten wie diesen gibt es neue Ausprägungen allgemeiner Erschöpfung und Müdigkeit. Zusätzlich zur Pandedmiemüdigkeit – „Pandemic Fatigue“ – leiden viele Menschen unter der „Zoom Fatigue“. Gibt man den Begriff „Zoom Fatigue“ in Google ein, bekommt man ungefähr 44.100.000 Ergebnisse (0,53 Sekunden). Doch was steckt hinter dem Begriff und wen betrifft es?

Begriffsdefinition

Hinter dem Begriff „Zoom Fatigue“ steckt eine Zusammensetzung aus dem Namen des amerikanischen Softwareherstellers „Zoom[1] und der englischen Bezeichnung für Müdigkeit oder Erschöpfung – „Fatigue“. In englischer Aussprache klingt das Ganze so: „Suum Fatiig“ (langes u, langes i). Gemeint ist speziell die Ermüdung, die viele Arbeitnehmer infolge von Videokonferenzen und virtuellen Meetings ereilt und die selbst Top Manager befällt.

So gestand erst kürzlich Vas Narasimhan, der Chef von Novartis: „Auch ich bin super Zoom-müde.“ Das Handelsblatt beschreibt diese neue Form der Erschöpfung sehr bildhaft „Wo früher ein Meeting nach dem anderen im Kalender stand, reiht sich nun Call an Call. Keine Pause nötig, schließlich fallen Raumwechsel weg. Zwei Klicks – und der Bildschirm ist voll mit anderen Personen, aufgereiht wie eine antike Büstensammlung: Kopf und Oberkörper sind zu sehen, mehr nicht. Im Hintergrund Bücherregale, Kleiderschränke, Kücheninterieur.“ In Zeiten zunehmender Digitalisierung steigt für viele Menschen die Frequenz, mit der sie an Video- und Webkonferenzen, Online-Meetings, Video-Chats oder Webinaren teilnehmen. Oft führt die Mediennutzung zu Müdigkeit und sogar zu Erschöpfung und der richtige Begriff für diesen Zusammenhang heißt: Zoom Fatigue.

 

Testen Sie ihr Wissen! Wie nennet man einen Anwender, der Zoom verwendet? Zoomer? Nicht ganz, denn “Zoomer is a nickname referring to members of Generation Z, those born in the late 90s and early 2000s. Its use is particularly popular as a contrast to baby boomer or boomer, but before Gen Z was established, zoomer was used to refer to especially active baby boomers.”

 

Laut einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln arbeiten bundesweit rund 14,8 Millionen Menschen in Büros. Schreibtischarbeit macht Homeoffice leicht möglich. Deshalb verrichtete schon 2018 jeder zweite zumindest gelegentlich von zuhause seine Arbeit. Jetzt, in Zeiten von Corona, ist der Anteil deutlich gestiegen – und damit haben nun viele ein Problem, das bislang nur wenige hatten: “Zoom-Fatigue“. Auch das Institut für Beschäftigung und Employability IBE hat sich mit diesem Phänomen beschäftigt und Anfang September 2020 eine Befragung durchgeführt. Der Zeitpunkt wurde bewusst gewählt, da angesichts der Corona-Krise für viele Beschäftigte seit nunmehr sechs Monaten virtuelle Arbeitswelten mit virtueller Kommunikation und Kooperation zum Alltag gehören. Nach einem halben Jahr lassen sich erste nachhaltige Effekte ableiten und ein erster empirischer Blick ist möglich.

Das Ergebnis der Befragung:

  • Fast 60% der 422 Befragten spüren Zoom-Fatigue (251 Personen).
  • Wenn Zoom-Müdigkeit wahrgenommen wird (n = 251), sind 195 Personen manchmal davon betroffen, und 37 Personen immer.
  • 160 Personen nehmen die Belastungen stark oder sehr stark wahr.

In der Studie werden auch die Symptome dieser Form der Müdigkeit beschrieben: „Eine Müdigkeit oder gar Erschöpfung, die mit virtueller Kommunikation und Kooperation sowie virtuellen Meetings einhergeht, zeigt sich in unterschiedlicher Form. Zu nennen sind beispielsweise:

  • Reduktion der Konzentration
  • Fahrigkeit
  • Ungeduld
  • Erhöhte Reizbarkeit
  • Fehlende Balance
  • Unwirsches Agieren gegenüber Mitmenschen
  • Genervt sein
  • Kopfschmerzen

Gründe für „Zoom Fatigue“ sind laut Spiegel unter anderem:

  • Auf bewegten Bildchen in der Größe einer Kreditkarte können wir Menschen das, was in einem normalen Gespräch selbstverständlich mittransportiert wird, nicht richtig erkennen: nonverbale Signale, Gesichtsausdrücke, kleine Gesten, die Körperhaltung. Das erzeugt eine permanente unbewusste Anstrengung bei dem Versuch, das Gegenüber zu »lesen« – außer, man hat sich geistig ohnehin schon aus dem Gespräch ausgeklinkt.
  • Anhaltendes Starren auf einen Bildschirm strengt die Augen an, das war auch vor Corona schon bekannt: Das Phänomen »Digital Eye Strain«, also digitale Augenanstrengung, wird von Augenheilkundlern schon seit Jahren untersucht und ist sehr weit verbreitet. Die zwei Hauptprobleme: trockene Augen wegen zu niedriger Blinzelfrequenz und Probleme durch Tiefenwahrnehmung und Abstand zum Bildschirm. Typische Symptome: schmerzende oder angestrengte Augen, Kopfschmerzen, verschwommene Wahrnehmung, Schmerzen in Schulter- und Nackenmuskulatur.
  • Noch schlimmer werden die beiden oben genannten Effekte, wenn der Bildschirm (Smartphone, Tablet) zu klein ist, und wenn die Kopfhaltung oder der Abstand zum Monitor nicht passt.
  • Schon kleine Verzögerungen in der Übertragung des gesprochenen Wortes, die man kaum bewusst wahrnimmt, haben gravierende Effekte: Sie lassen das Gegenüber sogar unsympathischer erscheinen. Bei einer in Berlin durchgeführten Studie kam 2014 heraus, dass eine Verzögerung von 1,2 Sekunden bei der Übertragung gravierende Folgen hatte: »Der gleiche Sprecher wurde als weniger freundlich, weniger aktiv, weniger fröhlich, weniger selbsteffizient, weniger ambitioniert und weniger diszipliniert wahrgenommen

Zoomer or later trifft es jeden

Egal ob virtuelle Meetings, Happy Hours, Konferenzen, Termine, Geburtstage, Oster- oder Weihnachtsessen, die gesamte soziale Interaktion musste, Corona bedingt, gezoomt werden. Doch auf Dauer ermüdet das Zoomen, egal ob man ein intro- oder extrovertierter Typ Mensch ist. Laut Experten kann gerade für introvertierte Menschen das Zoomen (und damit auch Skypen, Teams´en oder Co.) eine besondere Art der Hölle sein. Der Grund: Videoanrufe sind weitaus anstrengender als das wirkliche Leben und die persönliche Interaktion. Thea Orozco, Autorin des Buches ” The Introvert’s Guide to the Workplace” , erklärt warum dies so ist. Bei einem Videoanruf muss das Gehirn härter arbeiten, um nonverbale Hinweise wie Körpersprache und Tonfall zu interpretieren. Mehr Aufmerksamkeit bedeutet, dass man mehr Energie verbrennt. Ebenso erzeugen Videoanrufe eine seltsame Art von Dissonanz. Gianpiero Petriglieri, Associate Professor an der Insead, erklärt gegenüber der BBC worklife, dass Videoanrufe zwar unseren Geist zusammenbringen, unser Körper jedoch immer noch weiß, dass sie voneinander getrennt sind. „Diese Dissonanz, die zu widersprüchlichen Gefühlen führt, ist anstrengend. Sie können sich natürlich nicht in das Gespräch hineinversetzen,“ so der Experte. Es gibt auch das Problem der Stille. Jeder, der schon mal einen Videoanruf getätigt hat, weiß, dass die Technologie endlose Möglichkeiten für unangenehme Stille bietet. In realen Gesprächen, sagt Petriglieri, erzeugen diese Stille einen natürlichen Rhythmus.

Der französische Schriftsteller Paul Sartre hat in seinem Einakter „Geschlossene Gesellschaft“ von 1944 am Ende des Stückes den Schlüsselsatz geschrieben: „Die Hölle, das sind die anderen.“ Auch für viele Videokonferenzen trifft dieser Satz noch immer zu. Selbst die Stille verunsichert und stresst. Man befürchtet, dass das Mikro nicht geht, Zoom abgestürzt oder die Internetverbindung hängt. „Wenn wir an einer Videokonferenz teilnehmen, wissen wir, dass uns alle ansehen. Man ist auf der Bühne und muss sich präsentieren. Der soziale Druck und das Gefühl, was Schlaues abliefern zu müssen ist für viele Menschen zudem enorm stressig.   Es ist auch sehr schwierig für Menschen, nicht auf ihr eigenes Gesicht zu schauen, wenn sie es auf dem Bildschirm sehen können, oder sich nicht bewusst zu sein, wie sie sich vor der Kamera verhalten. „Stellen Sie sich vor, Sie gehen in eine Bar und sprechen in derselben Bar mit Ihren Professoren, treffen Ihre Eltern oder verabreden sich mit jemandem. Ist das nicht komisch? Das machen wir jetzt,“ Gianpiero Petriglieri.

Walk and talk

Der Spiegel rät zu einem „Walk and Talk“ um der Zoom Fatigue zu entkommen. „Schalten Sie doch mal das Videobild aus, setzen sie sich ein Headset auf und gehen sie während einer Konferenz oder einem Gespräch spazieren. Das stimuliert dem Hippocampus, besonders wenn Sie sich eine unvertraute Route aussuchen. Außerdem bewegen Sie sich, bekommen Tageslicht und frische Luft ab. Und sie versuchen nicht ständig vergeblich, in den Gesichtern der Kollegen zu lesen. Das muss man natürlich vorher absprechen.“

Auch das Handelsblatt empfiehlt einfach mal wieder zu telefonieren. Das entspannt, weil man sich frei bewegen kann und fördert die Konzentration. Wichtig ist natürlich ein Telefon mit Headset und extrem guter Sprachverbindung.

Weitere Empfehlungen sind:

  1. Vermeiden Sie Multitasking: Auch wenn es am Computer verlockend ist, neben der Konferenz auch noch E-Mails oder Slack-Nachrichten zu beantworten – wir neigen dazu, zu überschätzen, wie viel Inhalt wir aufnehmen können. So wird es nur schwieriger, den Kollegen im Call zu folgen – also anstrengender.
  2. Bauen Sie Pausen in Ihren Tagesplan ein: Um kurz einmal durchzuatmen, ist es wichtig, nicht von einem Call in den anderen zu springen, sondern sich zehn oder 15 Minuten Zeit zu nehmen, in denen die Kamera am Laptop nicht an ist. Nutzen Sie einzelne Pausen auch gezielt, um sich vom Bildschirm zu entfernen, damit die Augen entlastet werden.
  3. Konzentrieren Sie sich auf die Personen, nicht auf den Hintergrund: Wenn Sie anfangen, darüber zu rätseln, welche Weinflasche bei dem einen Kollegen im Regal steht und warum sich der andere vor einen Wäscheständer gesetzt hat, leidet ihre Konzentration, die sie mit Energie-Einsatz wieder zurückholen müssen. Nutzen Sie im Zweifel Video-Hintergründe, damit das nicht passiert.
  4. Telefonieren Sie: Nicht jeder Call muss ein Videocall sein. Im Telefonat können Sie sich frei bewegen – und Bewegung führt dazu, dass wir Inhalte besser speichern können.
  5. Weniger ist mehr: Auch wenn sehr viele Personen ohne großen technischen Aufwand an einer Videokonferenz teilnehmen können, ist es besser, Calls auf den Kreis zu beschränken, der wirklich etwas zum Thema beizutragen hat.
  6. Schaffen Sie kleine Gemeinsamkeiten: Es mag abwegig klingen, doch wenn in einem Call alle Teilnehmer einmal die gleiche Bewegung machen oder das gleiche Produkt in der Hand halten, schafft das auch virtuell eine persönlichere Verbindung.
  7. Machen Sie sich weniger Gedanken um sich selbst: In einer Laptop-Kamera, die in den meisten Fällen von unten nach oben filmt, sehen nur die wenigsten so aus wie auf ihrem Hochzeitsfoto. Corona hat uns auch die unpersönlichere Büroumgebung genommen und gezeigt, dass wir alle normale Menschen sind: mit Wäscheständern, mit Kindern, mit Bücherregalen – und auch mal mit Augenringen.

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